Was Krebspatienten über Fatigue wissen sollten

Der Krebsexperte Rainer Hinterberger, niedergelassener Arzt für Onkologie und Hämatologie in Mainz, beantwortet die häufigsten Fragen von Krebspatienten zum Thema Fatigue und Anämie.

1. Ich leide seit meiner Krebserkrankung an extremer Müdigkeit. Selbst wenn ich ausreichend Schlaf bekomme, bin ich morgens trotzdem erschöpft. Woran liegt das?

 Wahrscheinlich leiden Sie an tumorbedingter Fatigue — einem chronischen Erschöpfungszustand. Kennzeichnend für diese extreme Müdigkeit ist, dass der Patient trotz ausreichenden Schlafes keine Erholung findet. Ausgelöst wird der Zustand teilweise durch die Erkrankung selbst. Häufig tritt die Erschöpfung aber auch bei und durch Chemotherapie, Bestrahlung oder Immuntherapie auf und dauert noch Wochen bis Monate über den Behandlungszeitraum hinaus an.

2. Was ist die Ursache von Fatigue?

 Die Ursachen einer krebsbedingten Fatigue sind vielfältig und noch nicht endgültig geklärt. Die Hauptursache ist jedoch die Blutarmut, in der Fachsprache Anämie genannt. Bei Anämie ist die Anzahl der roten Blutkörperchen, der so genannten Erythrozyten, vermindert. Die Hauptaufgabe der Erythrozyten ist der Transport des Sauerstoffes zu den Organen und Geweben im Körper. Wenn also bei einer Anämie die roten Blutkörperchen verringert sind, entsteht im Körper ein Sauerstoffmangel — der Patient fühlt sich müde und schwach.

3. Wie wird festgestellt, ob ich an Anämie leide?

 Der wichtigste Blutwert zur Feststellung einer Anämie ist der Hämoglobinwert, kurz Hb-Wert. Das Hämoglobin ist der rote Blutfarbstoff und jener Teil der roten Blutkörperchen, der den Sauerstoff transportiert. Der normale Hämoglobinwert einer Frau liegt zwischen 12 und 16 g/dl (Gramm pro Deziliter) und der eines Mannes zwischen 14 und 18 g/dl.

4. Ich habe gehört, dass zur Behandlung von krebsbedingten Erschöpfungszuständen auch Bluttransfusionen verwendet werden. Gibt es auch andere Möglichkeiten?

 Durch eine Bluttransfusion behandelt man die Blutarmut (Anämie), die Hauptursache der Fatigue. Die Anzahl der roten Blutkörperchen kann dadurch rasch normalisiert werden. Der Effekt hält mit dieser Methode aber nicht lange an. Zudem sind Bluttransfusionen nicht ohne Risiko: Es können Infektionen wie Hepatitis übertragen werden oder allergische Reaktionen auftreten. Eine sinnvolle Alternative zu Bluttransfusionen ist die Gabe des künstlich hergestellten Erythropoietins Epoetin beta. Es ersetzt die Funktion des körpereigenen Erythropoetins, das bei Krebspatienten oft nicht ausreichend vorhanden ist. Dieses körpereigene Hormon ist für die Reifung der roten Blutkörperchen zuständig. Durch die Gabe des künstlich hergestellten Erythropoietins wird die Produktion der roten Blutkörperchen somit langfristig gesichert und der Körper ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

5. Wie wird Epoetin beta angewendet?

 Epoetin beta ist schnell wirksam und einfach anzuwenden. Es wird gespritzt und ist als Fertigspritze erhältlich. Bisher mussten dreimal wöchentlich 10.000 Einheiten Epoetin beta gespritzt werden, seit diesem Jahr gibt es aber auch eine Fertigspritze mit 30.000 Einheiten. Der Patient kann sich zu Hause das Medikament selbst spritzen und muss dafür nicht jedes Mal den Arzt aufsuchen.

6. Kann ich trotz der extremen Müdigkeit noch Sport treiben?

 Gegen Sport ist aus medizinischer Sicht nichts einzuwenden. Im Gegenteil, die Berliner Charité schlägt mit einem Trainingsprogramm an Laufbändern und Kraftsportgeräten eine völlig neue Richtung in der Fatigue-Behandlung ein. Aber auch regelmäßige Spaziergänge haben positive Auswirkungen auf den Allgemeinzustand. Auch die Deutsche Fatigue Gesellschaft empfiehlt, bei Fatigue Sport zu betreiben.

7. Worauf muss ich im Allgemeinem achten, wenn ich an Fatigue

leide?

 Es ist hilfreich, ein Tagebuch zu führen. Sie können so herausfinden, zu welchen Zeiten Sie belastbarer sind. So können Sie Ihre täglichen Aufgaben besser einteilen. Ziehen Sie sich nicht zurück. Sprechen Sie mit Ihrer Familie und Freunden über Ihr Befinden. Es könnte auch hilfreich für Sie sein, sich in einer Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen auszutauschen. Weiterführende Infos erhalten Sie auch bei der Deutschen Fatigue Gesellschaft (www.deutsche-fatigue-gesellschaft.de)

.Das Interview wurde einer Veröffentlichung der Hoffmann-La Roche AG entnommen (www.roche.de), herausgegeben von medical relations GmbH (www.medical-relations.de)

 

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